2021: Hell Weeks, wilde Wochen und am Ende Zuversicht

Obwohl die Erwartungen nach 2020 schon nicht allzu hoch waren, schaffte 2021 es vor allem im ersten Halbjahr trotzdem, noch mal deutlich underzuperformen. Ewiger Lockdown, langes Bangen um eine familiäre Entwicklung, nahende Verzweiflung beim 500. Spaziergang und ein Sommer, der sprichwörtlich ins Wasser fiel: Schön war es nicht. Woher auch immer ich in der zweiten Hälfte die Zuversicht nahm, dass es besser werden würde – ich weiß es nicht. Aber es half, es wurde besser. Deutlich.
Insgesamt war 2021 auch (schon wieder!) eine Fahrt auf der Emotions-Wildwasserbahn, mit ruckelnden und kopfschmerzenden Rückwärtsbewegungen und intensiven Beschleunigungen. Von ermüdend bis energetisierend war alles dabei.

Die erstaunlichste Erkenntnis:
2021 war ein Jahr mit viel Glück, das sich gleichzeitig nicht nach einem glücklichen Jahr anfühlt. Bäm, erste Realisation durch den Blick in den Rückspiegel. Familie und enge Freunde blieben von Corona verschont, ein großes Projekt kam trotz tausender Unwägbarkeiten doch noch zu einem erfolgreichen Abschluss und ich startete im Spätsommer in einen tollen neuen Job mit spannenden Projekten, in dem Wertschätzung mehr als eine Phrase ist, die man für LinkedIn-Posts nutzt (und hatte bzw. habe wie in allen letzten Stationen das Glück eines tollen Teams). Das ist sehr viel, für das ich sehr dankbar bin.
Und trotzdem wurde dieses Glück oft überlagert beziehungsweise bildete sich erst zum Jahresende wirklich heraus. Der Start war, in Anlehnung an die neue Freeletics-Routine, eine Folge mentaler Hell Weeks ohne Pausen oder Pardon. Der ewige Lockdown zu Beginn, der fehlende Ausgleich in der Pandemie, zu wenig nicht-digitale Zeit mit Freunden und eine Impfdynamik wie im Königreich der Faultiere zerrten zusätzlich an den Nerven. Auf verschiedenen Ebenen wurde alles erstmal noch deutlich schlimmer, bevor irgendetwas besser wurde. Aber: Es wurde besser.

Die schönsten Momente:
Ohne Frage zählt das Wiedersehen mit der Patagonien-Crew in Mittenwald dazu: Endlich wieder Menschen (dazu mit die besten überhaupt!) zu sehen war an sich schon großartig, dazu ein sensationelles Essen im lokalen Marktrestaurant – perfekt! Von den Umgebungsfaktoren her nicht ganz so perfekt war unsere Wanderung am nächsten Tag, aber mit diesen Menschen läuft man halt auch stundenlang in strömendem Regen (und besiegt den Krottenkopf im zweiten Anlauf – ha!).

Obwohl 2021 mit dem geringsten Bewegungsradius der letzten Jahre aufwartete, waren die wenigen Reisen alle Highlights: Von Wilhelmshaven erwartete ich im Dezember nichts außer Ruhe und ab und an ein bisschen Meer und wurde überrascht von schönen Momenten, tollen Aussichten und so netten Menschen, dass es fast unheimlich war. Was auch immer das auslöst: Ich würde es gern abfüllen und überall verteilen.
Und last, but not least: Im April loggte ich beim Laufen 5 km in unter 25 Minuten – Wahnsinn! Auch, wenn es kein offizieller Lauf war: Ich hatte einen.

Die spontanste Aktion:
Früher machte ich so etwas öfter (siehe: Mein erster Besuch auf der Dortmunder Südtribüne), aber es klappt immer noch: Nachdem ich es mit einer Freundin nicht hinbekam, dass wir uns an einem normalen Sonntag in Köln zusammenkoordinieren, erwähnte sie via WhatsApp, dass sie in der nächsten Woche Urlaub habe, aber eigentlich gern wegfahren würde. Da meine eigene Meer-Sehnsucht auch so groß wie die verfügbaren Zimmer knapp waren, hatte ich am Vortag ein letztes Mal hoffnungslos Booking aktualisiert – und maximal kurzfristig ein vermutlich storniertes Zimmer gesichert. Ich fragte sie, ob sie einfach mitkommen wolle und innerhalb von weniger als 16h waren wir auf dem Weg an die See. Fünf Tage in Kappeln und Maasholm (mit Currywurst mit Currycreme!) und bester Begleitung! <3

Gute neue Gewohnheiten:
Das Jahr startete laufintensiv und schon in den ersten fünf Monaten machte ich die 500 km voll. Um den Fokus mehr auf Kraft zu shiften, startete ich im August drei Mal wöchentlich mit Freeletics und zog trotz aller miauenden Muskelkater durch. Wie sich beides vereinen lässt, daran arbeite ich noch, aber Sport wieder mehr Platz einzuräumen, war eine sehr gute Entscheidung.
Insgesamt schaffte ich es, öfter netter zu mir selbst zu sein – vielleicht, weil die Welt so oft nicht nett war. Ich nahm mir mehr Zeit für mich, sagte häufiger Nein (still working on that, though) und traf vor allem die essentielle Entscheidung, mir nicht jeden Mist zu geben. Definitiv der richtige Weg.

Das wichtigste Learning:
Hör auf dein Bauchgefühl! Ich bin ein Kopfmensch und kann mir auf dem Papier gute Entscheidungen auch bestens mit rationalen Argumenten stärken. Diese Seite mag 90% ausmachen, aber sie ist nicht alles: Wenn ich bei wichtigen Entscheidungen das Bauchgefühl außer Acht ließ, ärgerte ich mich in der Vergangenheit meist am Ende genau darüber. So traf ich 2021 eine wichtige Entscheidung erst, als beide sich einig waren. Es war nicht leicht, es bedeutete, jemanden, den ich sehr schätze, enttäuschen zu müssen, und es schmerzte, aber es war für mich die richtige Entscheidung.

Die beste Nachricht:
Wir haben gerade den Sekt aufgemacht.

A first:
Schnee im August. Ja, in Deutschland. Der Sommer war nicht nur abwesend, er leugnete seine Identität: Bei der Wanderung mit der Patagonia-Crew auf den Krottenkopf betrug die Sichtweite am Ende vielleicht 15 Meter, Schneegestöber all around. Sommer 2021, ich war dabei!

A last:
Anfang Februar fand pandemiebedingt mein erster „Remote-Abschied“ von einem Job statt – eine merkwürdige Art des Goodbyes, auch wenn mein Team es mir so schön wie möglich machte. Da sich die Hoffnung auf ein mögliches Get together im Frühjahr weniger realisieren ließ, war es umso schöner, alle im Herbst noch mal zu sehen.

Die besten Bücher:
Schwiiiierig, denn von den 21 gelesenen Büchern mochte ich die allermeisten. Besonders beeindruckt haben mich die Texte von Nina Kunz in „Ich denk, ich denk zu viel“, weil sie viele mir sehr präsente Gedanken und Zweifel einfängt und in Worte packt. Ich bekam fast Muskelkater vom Nicken.
Auch wenn die Handlung in „The Midnight Library“ von Matt Haig vorhersehbar war (Protagonistin Nora nimmt sich das Leben, landet aber statt im Jenseits in der Mitternachtsbibliothek und kann alle Leben ausprobieren, die ihr möglich gewesen wären), war es für mich ein Wohlfühl-Buch, das die eigenen Perspektiven angenehm kalibriert.
„Die Hölle war der Preis“ von H. Lind über eine misslungene Republikflucht aus der DDR mit anschließender Gefängniszeit auf Basis einer wahren Geschichte hat mich fertig gemacht, gerade als jemand, der vor dem Mauerfall in Ostdeutschland geboren ist. Dieses Buch war prägend, es war schauerlich und dennoch nur zu empfehlen.
Und last, but not least, auch noch etwas für den professionellen Kontext: „It doesn’t have to be crazy at work“ von Fried und Heinemeier Hansson. Unterhaltsam geschriebene und spannende Impulse für mehr Fokus und ruhigere Arbeitskultur. Definitiv eine Empfehlung!

Die 3 Songs des Jahres:
Good for you – Olivia Rodrigo
War für mich einfach der Gute-Laune-Song schlechthin und trug mich durch den Sommer und Richtung Ostsee.
The Greatest Mistakes – Birds of Tokyo
“It doesn’t always go to plan / but I played whatever hand / that I had thrown in my face.“ Yeah, I could relate. Aber, wie der Song auch so schön sagt, “sometimes we learn from the pain“ und Unwägbarkeiten, Fehler und nicht ganz so einfache Zeiten machen uns mehr zu der Person, die wir sind, als es glückliche könnten.
Run Run Run – Celeste Buckingham
Könnte der Titelsong 2021 sein, denn Rennen war ein bestimmendes Thema – sowohl im faktisch-sportlichen als auch im übertragenen Sinn. Aber: Die 2021er-Ziellinie ist erreicht und überquert, das regenerative isotonische Getränk runtergekippt und auch, wenn es ein ordentliches Programm war: Am Ende war vieles sehr gut. (2022 darf trotzdem etwas weniger herausfordernd werden, ja? Bitte danke.)

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